20.05.2012 - Hintergrundartikel im "Weser-Kurier"

Taxifahrer wehren sich gemeinsam

Neugegründete Interessengemeinschaft streitet mit Funkzentrale um Schulungen und Pausenfunktion

VON YORK SCHAEFER
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Bremen. Aus Protest gegen umstrittene Schulungen haben Fahrer der Funkzentrale Taxi-Ruf die "Interessengemeinschaft Bremer TaxifahrerInnen" gegründet. Nach weniger als einem Monat sind der über Spenden finanzierten Vereinigung 132 der rund 1300 Funkfahrer beigetreten. Ziel und Zweck der Gemeinschaft sei es vor allem, die Praxis des Taxi-Rufs "kritisch und konstruktiv zu begleiten und verbessern", so heißt es in einer Pressemitteilung der Vereinigung.
Marco Bark ist Vorsitzender der neugegründeten „Interessengemeinschaft Bremer TaxifahrerInnen“, die 132 Mitglieder hat. Foto: Christina Kuhaupt
Marco Bark ist Vorsitzender der neugegründeten „Interessengemeinschaft Bremer TaxifahrerInnen“, die 132 Mitglieder hat. Foto: Christina Kuhaupt

Im Herbst vergangenen Jahres hatte die Funkzentrale Taxi-Ruf, die auch als Unternehmer-zusammenschluss fungiert, fünf verpflichtende Weiterbildungsmaßnahmen zu Themen wie Taxirecht, Krankenbeförderung sowie Markt und Image eingeführt, die die Fahrer selber bezahlen sollten. Wer sich weigert, wird als sogenannter "Service-Fahrer" gesperrt und muss Umsatzeinbußen befürchten.

 

Die Vorgehensweise wurde inzwischen vom Amtsgericht Bremen gerügt. Der Taxi-Ruf sei rechtlich nicht befugt, Schulungen anzuordnen (wir berichteten). Diese laufen zwar weiter, jedoch müssen nun die Unternehmer für ihre Fahrer bezahlen. Vor dem Amtsgericht ist inzwischen ein weiteres Verfahren anhängig, in dem überhaupt gegen die Schulungen geklagt wird.

 

Sanktionen stoßen auf Ablehnung


Die "Interessengemeinschaft Bremer TaxifahrerInnen" will die Arbeit der Funkzentrale "kritisch und konstruktiv zu begleiten undverbessern". Noch vor der ersten Vollver-sammlung steht neuer Ärger ins Haus. Unter den Taxifahrern stoßen zwei Maßnahmen des Taxi-Rufs auf Ablehnung. Es geht um die Abschaffung der Pausenfunktion und um Sanktionen für zurückgegebene Fahraufträge aus der Funkzentrale.

 

Sobald ein Fahrer die erste Position an einem Taxenplatz erreicht hat, kann er keine Pause mehr anmelden. Bisher wurde dies, zum Beispiel um die Toilette aufzusuchen, mit einem fünfminütigen Ausschluss bei der Vermittlung von Funktouren belegt. "Eine vollkommen ausreichende Maßnahme, da dies den Verlust der ersten Position zur Folge hatte", sagt Marco Bark, Vorsitzender der Interessengemeinschaft.

 

In einem solchen Fall bekam der nächste Fahrer in der Reihe die Tour. Zukünftig wird der Fahrer laut Bark, wenn er nicht erreichbar ist oder wenn er eine Tour zurückgibt, erst für zehn Minuten, beim zweiten Mal für eine halbe, beim dritten Mal für eine Stunde von der Tourenvermittlung ausgeschlossen.

 

Das Bedienen von Stammkunden und Einsteigern sei durch die Maßnahme eingeschränkt, klagen die Fahrer der Interessengemeinschaft, die Umsatzeinbußen befürchten und dem Taxi-Ruf Praxisferne und "Lidllisierung" der Arbeitsverhältnisse vorwerfen.

 

"Gerade an Halteplätzen wie Weserpark, Arbergen, Borgfeld, Sodenmatt, Burg oder Blumenthal stehen die Fahrzeuge oftmals alleine und dies nicht nur ein paar Minuten. Der Weg zur nächsten Toilette ist weit", erklärt Marco Bark. Zudem könne eine Funksperre auch Fahrer an zweiter oder dritter Stelle treffen. Zum Beispiel wenn diese ein bestimmtes Profil wie Botenfahrten erfüllen, sich kurz vom Fahrzeug entfernen, die Fahrer vor ihnen dieses Profil aber nicht haben und sie damit automatisch an die erste Position rücken.

Der Taxi-Ruf beruft sich in diesem Fall auf die Bremer Taxenordnung, die besagt, dass sich die Fahrer in unmittelbarer Nähe ihrer Wagen aufzuhalten hätten. "Die Pausen-funktion wurde missbraucht. Teilweise haben sich Fahrer bei kurzen, unattraktiven Touren im Kollektiv abgemeldet", begründet Ingo Heuermann, Vorstandsmitglied des Taxi- Rufs, die Maßnahme.

 

Mit der gleichen Begründung rechtfertigt er die Sperren, wenn Fahrer Funktouren zurückgeben, zum Beispiel weil gerade ein Stammkunde anruft oder ein Einsteiger erscheint. "Andere Kollegen müssen dann von weit her kommen und die Kunden bis zu 20 Minuten warten", erklärt Heuermann, der die Zahl der schwarzen Schafe unter den Fahrern diesbezüglich auf immerhin 20 Prozent schätzt.

 

Zu einem vom Taxi-Ruf vorgeschlagenen Gespräch zwischen den zerstrittenen Parteien ist es noch nicht gekommen. Die Interessengemeinschaft der Fahrer hat dies davon abhängig gemacht, dass der Taxi-Ruf allen momentan gesperrten 48 Fahrern den Status als "Service-Fahrer" zurückgibt. Vorstand und Aufsichtsrat des Taxi-Ruf beraten noch, ob sie auf diese Bedingung eingehen können.

 


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