19.07.2017 - Zeitungsartikel im Weser-Kurier

Sieben Euro für drei Kilometer Taxifahrt

Frauen-Nachttaxi droht das Aus

Von Jürgen Theiner

Das kostengünstige Nachttaxi für Frauen soll dem Winke-Tarif weichen.

 

Für sieben Euro drei Kilometer durch Bremen: Mit diesem Angebot wollen Bremens Taxenunternehmer um mehr Kundschaft werben. Stimmt die Verkehrsdeputation zu, könnte der Winke-Tarif schon zum Oktober eingeführt werden. Winke-Tarif deshalb, weil er nur dann gelten soll, wenn ein Taxi aus dem fließenden Verkehr herausgewinkt wird – also nicht auf Bestellung oder am Taxenstand. Parallel zum neuen Angebot soll ein altes eingestellt werden: Weil es wenig nachgefragt wird, steht das Frauen-Nachttaxi vor dem Aus.

 

Der Markt für Mobilität ist in Bewegung. Die rund 530 Bremer Taxen fahren nicht nur gegen Bus und Bahn an, sondern auch gegen eine wachsende Zahl von Car-Sharing-Anbietern. Gerichtlich noch untersagt, aber als Konzept längst existent sind Online-Vermittlungsdienste wie Uber, die in anderen Ländern das Taxi-Gewerbe bedrängen. Vor diesem Hintergrund überlegen auch die Bremer Taxen-Unternehmer schon länger, wie sie auch in Zukunft ihre Fahrzeuge auslasten können. Der Winke-Tarif soll dabei ­helfen.

 

In Berlin gibt es den Tarif schon länger. Dort gilt: fünf Euro für zwei Kilometer. In Bremen sollen es Ingo Heuermann zufolge sieben Euro für drei Kilometer sein. Heuermann ist zweiter Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Fachvereinigung Personenverkehr. „Wir wollen neue Wege gehen“, sagt er. Für die Taxifahrer und ihre Unternehmen habe das Angebot den Vorteil, dass die Zahl der Leerfahrten zurückgeht. Der Kurzstrecken-Pauschaltarif, so die offizielle Bezeichnung, könne dazu führen, dass vermehrt Taxen aus dem Verkehr ­herausgewinkt und genutzt werden, hofft Heuermann. Für Kunden, die eine längere Strecke zurücklegen wollen, lasse sich das Taxameter so einstellen, dass ab dem vierten Kilometer der Normaltarif zu zahlen ist.

 

Winke-Tarif als Alternative

 

Dass die Taxen-Unternehmer das kaum noch nachgefragte Angebot nun ganz aufgeben wollen, findet Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe zwar schade, aber: „Wir hoffen, dass der neue Winke-Tarif den Frauen, die bisher für kurze Strecken das vergünstigte Nachttaxi gerufen haben, eine gute Alternative ist, um gut und sicher durch die Nacht zu kommen.“

 

Diese Aussage erstaunt den Vorsitzenden der Interessengemeinschaft der angestellten Taxifahrer in Bremen, Marco Bark. Das kostengünstige Nachttaxi habe den Frauen „wirklich etwas gebracht“. Vom neuen ­Winke-Tarif hält er dagegen gar nichts. „Wenn das so erfolgsträchtig ist, warum gibt es das bisher nur in Berlin?“, fragt Bark. Dort hätten bereits vier der fünf Verbände für die Abschaffung votiert, und in Düsseldorf sei der Winke-Tarif nach einer Probephase von acht Wochen sang- und klanglos eingestellt worden.

 

Für die Bremer Taxifahrer werde die Kurzstreckenpauschale nur nervige Diskussionen mit den Fahrgästen bringen – und weiteren Druck auf das Gehaltsniveau. Schon jetzt, so Marco Bark, sei der gesetzliche ­Mindestlohn für viele Taxifahrer nur Theorie.

 

19.07.2017 - Kommentar im Weser-Kurier

Kurios

Von Redakteur André Fesser

Bremen will Taxis mehr Kunden verschaffen, indem es den sogenannten Winke-Tarif einführt. Im Gegenzug soll das Frauen-Nachttaxi abgeschafft werden. Unser Kommentator André Fesser hält das für falsch.

 

Nun soll er also kommen, dieser Winke-Tarif und den Bremer Taxifahrern die Autos füllen. Das Prinzip ist ja nicht neu, man kennt es aus dem Kino: Kunde winkt, Taxi hält, ab die Post! Allerdings wird der Held im Film auch immer wieder mal im Regen stehen gelassen. Wenn die Taxifahrer in Bremen also nicht nur zurückwinken, sondern auch anhalten, dann ist der Winke-Tarif womöglich ein Fortschritt.

 

Ein schlimmer Rückschritt wiederum wäre die Abschaffung des Frauen-Nachttaxis. Es mag ja sein, dass diese Einrichtung nicht mehr so stark genutzt wird wie noch vor 20 Jahren. Aber daraus zu folgern, dass es nicht sinnvoll ist, Schutz suchenden Menschen dieses Angebot zu machen, ist schon kurios. Eine Alternative gibt es nämlich nicht.

 

Dafür gibt es aber den Befund, dass die Institution Frauen-Nachttaxi zu wenig bekannt ist, zu sperrig in der Anwendung und obendrein bei vielen Fahrern unbeliebt, weil deren Einnahmen dadurch geringer ausfallen. Anstelle der Abschaffung des Frauen-Nachttaxis wäre also vielmehr dessen Reform geboten. Und ein Blick in andere Städte: Freiburg zum Beispiel führt das Nachttaxi gerade wieder ein.

 


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Wie Taxi- und Berufskraftfahrer um den Mindestlohn geprellt werden - oder sich prellen lassen.

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Wir trauern um unseren alten Weggefährten Rainer Bohle aus der Nachtschicht.

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Auch Köln muß die Zahl der Taxilizenzen um ganze 250 reduzieren. Einige Fahrer leben nur knapp über der Armutsgrenze.

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